„Mein Dorf stirbt“ – Wem gehört das Wasser?

Früher stand das Wasser am Entrepenas-Stausee bis knapp unter die Straße. Heute ist der Stausee in den Sommermonaten fast ausgetrocknet.

Salzwasser gibt es jede Menge, Trinkwasser ist knapp. Staaten ringen mit Staaten, Regionen mit Regionen und Bauern mit Fischern. Der Klimawandel macht alles noch schlimmer. Ich war in Toledo, Spanien und habe mit Menschen gesprochen, deren Land austrocknet, weil das Wasser knapp wird.

Aus dem Weltall betrachtet, ist die Erde ein blauer Planet. Fast zwei Drittel der Erdkugel sind von Wasser bedeckt, und dennoch ist Wasser knapp. Millionen Menschen leiden unter akutem Wassermangel, viele Landstriche trocknen aus. Wie kann das sein? Das Problem ist, dass die größten Wasserressourcen der Welt aus Salzwasser bestehen. Zum Leben brauchen Mensch und Umwelt jedoch das viel seltenere Süßwasser.

Rund um die Welt haben zwar immer mehr Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, doch gleichzeitig wächst die Bevölkerung. Immer mehr Menschen müssen sich das vorhandene Wasser teilen, die Ressource wird übernutzt. Wasserforscher haben berechnet, dass das verfügbare Wasser nur für neun Milliarden Menschen reicht – und das auch nur, wenn es vernünftig gemanagt wird. Spätestens in dreißig Jahren, wenn die Weltbevölkerung diese Marke voraussichtlich erreicht, würden die Verteilungskonflikte um das saubere Nass eskalieren. Außerdem sind die Wasserressourcen nicht gleichmäßig verteilt. So gibt es Regionen, in denen Wasser schon immer knapp war, wie etwa rund um Ägypten, und andere, in denen Wasser nahezu unbegrenzt verfügbar ist – wie etwa in Nordeuropa.

Schon heute hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mindestens einen Monat im Jahr nicht ausreichend Wasser zur Verfügung. Das haben Untersuchungen der Unesco ergeben, der internationalen Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Das liegt zum einen an der Industrie und der Landwirtschaft. Zu immer größeren Teilen ist das verfügbare Süßwasser durch Chemikalien wie Dünger oder Industrieabwasser belastet und für den Menschen nicht genießbar. Zum anderen liegt es am fortschreitenden Klimawandel, der ganze Landstriche austrocknet und das Leben dort unmöglich macht.

„Wir brauchen Wasser und keine Brücken mehr“

Wer jetzt nur an Kapstadt oder die Subsahara-Staaten in Afrika denkt, der täuscht sich. Auch in Europa, im Herzen Spaniens, stirbt ein Fluss und mit ihm eine ganze Region. Dort, wo einmal Wasser war, finden sich nur noch Schilf und trockenes Gestrüpp. Die Bäume und Sträucher an den ehemaligen Ufern wachsen immer weiter aufeinander zu. In wenigen Jahren wird nichts mehr daran erinnern, dass es hier einmal einen Fluss gab, an dessen Ufern das Leben prosperierte.

Talavera de la Reina ist nur eine von vielen Gemeinden, die den Wassermangel zu spüren bekommt. Die kleine Stadt liegt 120 Kilometer südwestlich von Madrid am Tajo, dem längsten Fluss der Iberischen Halbinsel, der in den zentralspanischen Bergen entspringt und bei Lissabon als Tejo in den Atlantik mündet. Früher konnten die Menschen in der Region Kastilien-La Mancha von den Fischen aus dem Fluss leben. Sie empfingen Jahr für Jahr unzählige Touristen und waren stolz auf ihren erfolgreichen Kanuverein. Heute gibt es in Talavera zu viele Brücken über zu wenig Wasser.

Soledad de la Llama ist Aktivistin und engagiert sich für die Initiative Tajo Vivo, "lebendiger Tajo".
Soledad de la Llama ist Aktivistin und engagiert sich für die Initiative Tajo Vivo, „lebendiger Tajo“.

Die Umweltschützerinnen Soledad de la Llama und Rosa Prieto beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge. „Wir brauchen Wasser und keine Brücken mehr“, klagt Prieto, die ihr Leben dem Erhalt des Tajo und seiner Zuflüsse gewidmet hat und seit Jahren gegen das fehlgeleitete Wassermanagement in Spanien kämpft. De la Llama, viele Jahre Vorsitzende der Initiative zum Schutz des Tajo, erinnert sich noch gut, wie alles begann. Ihre beiden Söhne waren in ihrer Jugend im städtischen Kanuverein aktiv. „Eines Tages kamen sie früher als geplant nach Hause und riefen: ,Mama, Mama, der Fluss ist weg!‘“, erzählt die Spanierin mit dem grauen Kurzhaarschnitt. Das war 2006. „Früher gewannen unsere Kanuten Olympia-Medaillen, heute können sie nicht mal mehr richtig trainieren.“ Schuld am Wassermangel in Kastilien sind nach Ansicht der Aktivistinnen die Madrilenen und die Landwirte am Mittelmeer. Die Auseinandersetzung zwischen den Regionen um das saubere Bergwasser aus dem Tajo beschäftigt inzwischen auch die Europäische Union.

Rund um die Welt schwelt der Konflikt um das Wasser auf vielen Ebenen. Während im Afrika südlich der Sahara mehr als 300 Millionen Menschen unter starker Wasserknappheit leiden, gehen Menschen in Europa und Nordamerika zu sorglos mit der Ressource um, kommt sie doch täglich frisch aus jedem Wasserhahn gesprudelt. So liegt der durchschnittliche Wasserverbrauch fürs Duschen, Spülen und Trinken in den Vereinigten Staaten bei knapp 300 Litern pro Tag, in Deutschland bei 121 Litern. Rechnet man das Wasser noch hinzu, das für die Herstellung der eigenen Kleidung und der Nahrung benötigt wird, sind es noch mal deutlich mehr.

Im zentralafrikanischen Tschad verbraucht ein Mensch hingegen nur 11 Liter pro Tag – auch, weil es schlicht nicht mehr gibt. Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen geht davon aus, dass der Mensch 50 Liter Wasser pro Tag braucht, um trinken, kochen und vor allem gesund bleiben zu können. Millionen von Menschen in Afrika müssen jedoch mit durchschnittlich 20 Litern am Tag auskommen – das ist in etwa die Menge an Wasser, die wir Deutschen bei einer eineinhalbminütigen Dusche verbrauchen.

Der Streit ums Wasser befeuert politische Konflikte

Sichtbar wird der Kampf um das Wasser auch zwischen den Staaten. Das Süßwasser der Erde ist zu 70 Prozent im Eis und Schnee der Arktis und der Antarktis gebunden. Neben dem Grundwasser dienen vor allem Flüsse und Seen als Trinkwasserquelle, doch sie halten sich nicht an Ländergrenzen. Die Quelle des Rheins etwa liegt in den Schweizer Alpen, später markiert der Fluss die deutsch-französische Grenze, schließlich mündet er in den Niederlanden in die Nordsee. Der amerikanische Rio Grande entspringt in den Vereinigten Staaten und mündet in den Golf von Mexiko. Euphrat und Tigris suchen sich ihren Weg durch das Dreiländereck zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Doch Nachbarstaaten sind sich nicht zwangsläufig wohlgesinnt. Der Streit ums Wasser befeuert ohnehin gärende politische Konflikte.

Im Zweistromland dient Wasser gar als mächtiges Druckmittel. Vor 10.000 Jahren wurde der Mensch hier sesshaft und erfand die Landwirtschaft. Doch während damals das Wasser für alle reichte, wird es heute für manche knapp, weil es einzelne Länder durch Stauseen und Kanäle zurückhalten. 22 Talsperren sollen auf türkischer Seite entstehen, 19 von ihnen sind bereits in Betrieb. Es handelt sich um ein riesiges Entwicklungsprojekt, das vor allem den Südosten der Türkei aus der Armut befreien soll. Was jenseits der Grenze zum Irak geschieht, ist zweitrangig. Schon heute kommt nur noch ein Drittel des Euphrat-Wassers im Irak an. Es ist für Ankara zudem ein willkommenes Druckmittel: Bei Differenzen bietet es eine gute Drohkulisse, könnte doch die Türkei dem Irak das Wasser einfach ganz abdrehen – mit katastrophalen Folgen für die dortige Bevölkerung.

Dass der nächste große Krieg wohl nicht ums Öl geführt wird, wie jahrelang befürchtet wurde, sondern ums Wasser, zeigt auch ein anderer Konflikt im Nahen Osten. Bei ihrem Vormarsch auf Bagdad gelang es den Terroristen des sogenannten Islamischen Staats im Jahr 2014, zeitweise die Kontrolle über den Mossul-Staudamm zu übernehmen. Das ist die größte irakische Talsperre, die fast zwei Millionen Menschen nicht nur mit Elektrizität, sondern auch mit Wasser aus dem Tigris versorgt. Die Terroristen überfluteten 200 Quadratkilometer Land und schnitten Tausende Bauern von ihren Feldern ab. Wasser sei in dieser Form erstmals als Waffe eingesetzt worden, klagte damals der irakische Minister für Wasserressourcen, Hassan Al-Janabi. Die grenzüberschreitenden Wasserkonflikte im Zweistromland könnten weitergehen: Zwar ist der „Islamische Staat“ vom Mossul-Staudamm vertrieben, doch in Syrien kämpft das Regime mit den Rebellen noch immer um die Kontrolle über die Staudämme des Euphrats und damit auch um die Stromversorgung in der Region.

Auch anderswo werden innerhalb von Ländergrenzen Konflikte um das Wasser ausgetragen, dafür braucht es keine Terroristen. Die Ressourcen sind oft ungleich verteilt. Viel Wasser gibt es häufig dort, wo nur ein kleiner Teil der Bevölkerung lebt. Im amerikanischen Sonnenstaat Florida etwa befinden sich die meisten Frischwasserquellen im Norden, die Mehrheit der 20 Millionen Einwohner lebt aber im Süden in der Region um Miami. Während die Schönen und Reichen im Süden ihre üppigen Pools wässern, leidet der Norden Floridas unter Wasserknappheit. So zumindest stellen es die Bewohner von Nordflorida gerne dar.

Die Lage ist kompliziert

Die Wahrheit ist: Ganz Florida leidet unter Wassermangel. Der „Wasserkrieg“, der Tampa Bay Water War, wird seit Jahrzehnten zwischen dem Norden und dem Süden politisch geführt und verhinderte bis in die späten neunziger Jahre Innovationen, um das Wassermanagement zu verbessern. Heute ist die Situation entspannter, weil Südflorida einen Großteil seines Wassers aus Entsalzungsanlagen an der Küste und aus dem Grundwasser bezieht, weniger aus den Flüssen, die aus dem Norden kommen.

In Spanien hingegen hat sich noch nichts entspannt, denn die Lage ist komplizierter. Der Tajo überquert die Staatsgrenze zwischen Spanien und Portugal. Als politisches Druckmittel dient er noch nicht, doch die Portugiesen hängen im buchstäblichen Sinn am Tropf der Spanier. Das Wasser, das in Lissabon ankommt, hat nichts mehr von der Qualität, die es noch am Oberlauf des Flusses besaß – erst recht nicht in trockenen Zeiten. 220 Talsperren und Schleusen unterbrechen den Lauf des mehr 1000 Kilometer langen Flusses. Viele von ihnen stammen aus den Zeiten des spanischen Diktators Franco. Er ließ einst ganze Dörfer fluten, um Platz für riesige Wasserreservoirs zu schaffen. Der enorme Wasserverbrauch auf spanischer Seite und die Verschmutzung des Flusses mit Abwässern sorgen für Groll bei den portugiesischen Bauern. Insbesondere, weil die Spanier das Wasser nicht nur als Trinkwasser abzweigen, sondern in erster Linie, um ihre eigenen Felder zu bewässern.

Ein binationaler Vertrag, der auf das Grenzabkommen von 1864 zurückgeht, soll den Konflikt entschärfen. Eine Mindestmenge, die in den drei grenzüberschreitenden Flüssen Tajo, Duero und Guadiana verbleiben muss, ist dort festgelegt. Doch wenn die Not groß ist, in extremen Trockenzeiten, interpretiert die madrilenische Regierung die Vertragsklauseln um.

Seit drei Jahren herrscht auf der Iberischen Halbinsel eine extreme Trockenheit. Es regnet zu selten, und die wenigen Niederschläge fallen dürftig aus. Das vergangene Jahr war das heißeste und trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Spanien. Für 2018 wird eine weitere Dürre erwartet. Schon im vergangenen Jahr gönnte sich Spanien deshalb einen großen Schluck aus dem weiter nördlich gelegenen Duero, der ebenfalls nach Portugal fließt und dort Douro heißt. Das traf besonders die Bauern jenseits der Grenze, ihre Ernte fiel mager aus. Nachdem sie tagelang mit ihren Traktoren vor dem portugiesischen Parlament protestiert hatten, erhielten sie Kompensationszahlungen für den Produktionsausfall von der Regierung in Lissabon. Nach vielen Monaten des Ringens gab Madrid zu, den Vertrag gebrochen zu haben, und überwies eine Entschädigungszahlung an Portugal.

Die Lage verschärft sich

Doch die Lage verschärft sich. Denn der Klimawandel und mit ihm über Jahre andauernde Dürren trocknen die Iberische Halbinsel weiter aus. Beide Staaten sind in ihrer Trinkwasserversorgung von den gemeinsamen Flüssen abhängig, deren Wasser zuerst über spanischen Boden fließt. Der Konflikt wird sich mit jedem Dürrejahr zuspitzen, da für Portugal immer weniger Wasser übrig bleiben wird.

Eine verlassene und Vandalen heimgesuchte Taverne am Entrepenas-Stausee erinnert an die goldenen Zeiten, als an den Ufern der Tourismus florierte.
Eine verlassene und Vandalen heimgesuchte Taverne am Entrepenas-Stausee erinnert an die goldenen Zeiten, als an den Ufern der Tourismus florierte.

Allerdings spielt sich der Konflikt um das Wasser des Tajo nicht nur zwischen Spanien und Portugal ab, er sorgt auch zwischen den betroffenen spanischen Regionen für politischen Streit. Der Tajo entspringt zwar in Kastilien, ein Großteil seines Wassers wird jedoch durch den Tajo-Segura-Kanal auf die üppigen Gemüseplantagen im Süden des Landes umgeleitet. Der 286 Kilometer lange Kanal, der sich aus dem Entrepeñas-Stausee speist, ist das größte Wasserbauprojekt Spaniens. Die Pläne gehen auf einen Entwurf von 1933 zurück. Während der spanischen Militärdiktatur konkretisierte sich das Vorhaben, eröffnet wurde der Kanal erst 1979. Seitdem garantiert das Wasser den Bauern am Mittelmeer sichere Ernten. In Zentralspanien laufen die vielen Stauseen in Dürrezeiten leer, und die Anwohner sitzen auf dem Trockenen.

Auch in diesem April war es ungewöhnlich heiß für den kastilischen Frühling. Das Thermometer zeigte bereits fast 30 Grad. Immerhin hatte es in den ersten Frühlingswochen viel geregnet, der Wasserspiegel des Entrepeñas-Stausees stieg an. Nahezu idyllisch wirkt der ruhige See mit den steil abfallenden Hängen in der prallen Sonne. Doch der Schein trügt.

Früher wurde der Stausee, dessen Wasser in Bestzeiten fast 90 Meter hoch stand, auch als „Meer von Kastilien“ bezeichnet. Über eine Fläche von gut 32 Quadratkilometern erstreckte sich der See östlich von Madrid. Früher, das war, bevor die spanische Regierung den Tajo-Segura-Kanal eröffnete. Heute ist das einstige Meer ziemlich geschrumpft. Der Wasserspiegel ist über die Jahre auf ein Minimum gesunken. Daran, dass das Wasser einmal bis zur Straße stand, die auf einem Viadukt über den See führt, erinnert sich heute kaum mehr jemand. Stattdessen sind im Sommer sogar die Sockel der Brückenpfeiler sichtbar und unter ihnen eine Pfütze. Mehr nicht.

Im vergangenen Herbst führte die große Hitze gar dazu, dass einige Orte, die vor Jahrzehnten durch Francos Wasserbauprojekte geflutet worden waren, zum ersten Mal wieder sichtbar wurden. So zum Beispiel das Dorf La Muedra, das damals für einen Stausee versenkt wurde. Im vergangenen November fiel der Wasserspiegel so tief, dass die Ruinen der alten Brücke und der Glockenturm der Dorfkirche wieder aus dem Wasser ragten. Auch den Embalse de Entrepeñas, eigentlich einer der größten Stauseen des Tajo, erreichte so wenig Wasser, dass ein römisches Viadukt auf dem Grund des Stausees zum Vorschein kam. Während Kastilien vertrocknete, konnten die Landwirte an der Mittelmeerküste dank des transferierten Tajo-Wassers ordentliche Ernten auf ihren Plantagen einfahren. Wenig verwunderlich, dass die Spanier in Kastilien den Kanal für das Sterben ihrer Wirtschaft verantwortlich machen und die Südspanier ihn als Wohlstandsgaranten für ihre Region feiern.

Um die großen Höhenunterschiede zu überwinden, muss das Wasser mit teuren Pumpen streckenweise kilometerweit bergauf gehoben werden. Ziel ist es, die seit jeher trockene Region um Murcia mit sauberem Wasser zu versorgen. Die Regionalregierung in Murcia nutzt das Wasser offiziell zur Trinkwasserversorgung. „Ganz Spanien denkt, es handle sich um einen Solidaritätstransfer“, erklärt Aktivistin Rosa Prieto aus Talavera. „Doch die letzten neun Monate blieben die Schleusen des Tajo nach Murcia zu. Und ich habe nicht gehört, dass dort jemand verdurstet wäre!“

Tiefe Risse zerfurchen die Erde

Tatsächlich bringt das Wasser im subtropischen Klima an Spaniens Mittelmeerküste den „Garten Europas“ zum Blühen. Über unzählige Quadratkilometer erstrecken sich hier Obst- und Gemüseplantagen. Das meiste ist für den Export bestimmt. Deutschland ist einer der größten Abnehmer von Tomaten oder auch Reis aus Südspanien. Dabei ist gerade Reis eine der wasserintensivsten Getreidekulturen. Etwa drei Prozent trägt die Region um Murcia mit ihrer Landwirtschaft zum spanischen Bruttoinlandsprodukt bei. Zehntausende Arbeitsplätze hängen daran und damit auch am Tajo-Segura-Kanal. Mit den vielen Jobs argumentiert die Regionalregierung in Murcia, um die Wassertransfers zu rechtfertigen. Sie sind in Zeiten enorm hoher Arbeitslosigkeit ein starkes politisches Druckmittel.

Dank neuer Technologien und Bewässerungsmechanismen erweitern die Bauern Jahr für Jahr ihr Ackerland – und fordern für ihre immer größer werdenden Plantagen immer mehr Wasser. Für die Bauern am Mittelmeer ist das Bergwasser des Tajo ein Segen. Zwar baute die spanische Regierung – subventioniert durch Milliardenbeträge von der Europäischen Union – entlang der Küste 50 Anlagen zur Entsalzung von Meerwasser, doch die meisten von ihnen sind nicht in Betrieb. Das Wasser aus den Entsalzungsanlagen ist zu teuer, der Salzgehalt auch nach der Prozedur noch zu hoch für die empfindlichen Früchte. Der Kubikmeter aufbereitetes Meerwasser kostet die Bauern rund 1,10 Euro, das Wasser aus dem Tajo-Kanal nur gut ein Zehntel, 12 Cent.

Ein Mosaik in Talavera de la Reina erinnert an früher: Damals konnten die Menschen von der Fischerei leben.
Ein Mosaik in Talavera de la Reina erinnert an früher: Damals konnten die Menschen von der Fischerei leben.

Am Oberlauf des Flusses werden inzwischen schon 60 Prozent des Tajo-Wassers entnommen und umgeleitet. Am Entrepeñas-Stausee, der den Kanal eigentlich vorwiegend speisen soll, kommen nur noch 20 Prozent an. Dabei hat der Fluss bis zu diesem Stausee gerade mal ein Achtel seiner gesamten Strecke zurückgelegt. Das Bild, das sich dort im Sommer bietet, ist trist: Der Boden ist so trocken, dass tiefe Risse die Erde zerfurchen. Von der einst prosperierenden Landwirtschaft ist nichts mehr zu sehen. Früher galt die Region als Hauptanbaugebiet für Wein und Getreide. Damals stand der Fluss noch für die Bewässerung der Felder vor Ort zur Verfügung. Eröffnet wurde der Stausee durch Franco schon 1956. Bis zum Bau des Kanals 1979 florierte der Tourismus. Aus dem stickigen Madrid kamen die Leute gerne hierher, um sich zu erholen.

Das kleine Dorf Mantiel an den Hängen des Entrepeñas-Stausees liegt an diesem Nachmittag wie verlassen in der Sonne. Die Pfützen auf der ungeteerten Hauptstraße erinnern an den letzten Regen, den die trockenen Böden jedoch kaum aufnehmen konnten. Julián Rebollo Larriut, Bürgermeister der verbliebenen 42 Einwohner, deutet auf die verfallenen Mauern neben der einzigen Dorfkneipe und erzählt von früher. „Wir hatten hier mal ein kleines Thermalbad“, erinnert er sich wehmütig. Heute versickern die Thermalquellen ungenutzt im See. Larriut möchte das gerne ändern. Er will das Thermalbad in Mantiel wieder zu neuem Leben erwecken und seinem Ort so eine wirtschaftliche Zukunft ermöglichen. Mit dem Bad kämen auch die Touristen zurück, glaubt der 70-Jährige.

„Mein Dorf stirbt“

Alles sei früher grün gewesen, viele Dörfer in der Umgebung hatten damals einen eigenen Zugang zum Wasser. Das Dorf Sacedón sogar einen kleinen Strand, einen Kai für Boote und eine Segelschule. „Fischer säumten die Ufer“, schwärmt Larriut von der glorreichen Vergangenheit. Heute ist davon nichts mehr übrig. Eine verfallene Tankstelle am Nordende der Brücke über den See lässt erahnen, welch ein reger Verkehr hier einst geherrscht haben muss. In der kleinen Taverne nebenan sind die Scheiben eingeschlagen, die Wände zerstört. Ein altes Schild an der Wand erinnert noch an das Tagesangebot von damals. Der Blick ging einst hinaus zum Wasser. Heute sieht man durch ein riesiges Loch in der Mauer nur die gegenüberliegenden, versteppten Hänge.

Julian Rebollo Larriut ist Bürgermeister von Mantiel, einem kleinen Dorf, das im Sommer mit Wasser von Tanklastern versorgt werden muss. Die spanische Wasserpolitik hält er für verrückt.
Julian Rebollo Larriut ist Bürgermeister von Mantiel, einem kleinen Dorf, das im Sommer mit Wasser von Tanklastern versorgt werden muss. Die spanische Wasserpolitik hält er für verrückt.

Selbst wenn der Tajo nach Regenfällen einmal Wasser führt, dürfen es die Anwohner nicht nutzen. Sobald die Stauseen zu mindestens 16 Prozent gefüllt sind, wird wieder Wasser über den Kanal ans Mittelmeer geleitet. Den See-Anwohnern sind nur Fischerei und Tourismus erlaubt. Doch Fische gibt es hier kaum noch. Die Fließgeschwindigkeit des Flusses ist wegen der Trockenheit viel zu langsam, an vielen Stellen steht das Wasser. Der Sauerstoffgehalt reicht für viele Fische nicht mehr aus. Auch die Touristen bleiben weg. In einem Ort, der im Sommer mit Trinkwasser aus Tanklastern versorgt werden muss, wollen sie keinen Urlaub mehr machen. Mit dem Tourismus und der Landwirtschaft sind auch die Dörfer am Ende. „Mein Dorf stirbt“, sagt Bürgermeister Larriut. „Und mit ihm die ganze Region.“ Der stämmige Lokalpolitiker mit dem Schnauzbart fasst sich an die Kehle, als würde ihn jemand würgen.

Miguel Ángel Sánchez ist in Talavera de la Reina aufgewachsen und sitzt nun für die linke „Queremos“ im Stadtrat. Er wirkt müde. Seit Jahren engagiert er sich für die Initiative „Tajo Vivo“, lebendiger Tajo. Bislang ohne sichtbaren Erfolg. Zuletzt befestigten die Aktivistin Soledad de la Llama, Sánchez und einige weitere Anwohner des Tajo schwarze Fahnen an der Brücke Reina Sofía, die in Talavera über die Arme des Tajo führt – oder das, was davon noch übrig ist. Die schwarzen Fahnen sollen die Trauer darüber ausdrücken, dass die spanische Regierung Anfang April erstmals seit der Dürre im vergangenen Jahr die Schleusen Richtung Mittelmeer wieder öffnete und bis Juni die Überleitung von 80 Millionen Kubikmetern erlaubte. Den Fluss wird das im Sommer teuer zu stehen kommen.

Menschen in Spanien können über das Wasser laufen

Die wenigen tausend Anwohner am Oberlauf des Tajo haben nicht genug Macht, um den wirtschaftlichen Interessen von Murcia etwas entgegenzusetzen. Die Regierung in Madrid denke nur an die spanischen Exporteinnahmen, sagen sie. Für Stadtrat Sánchez ist die Situation unfassbar. „Den Menschen, die eigentlich am Wasser sitzen, wird ihre Lebensquelle genommen, weil woanders mehr Geld damit gemacht werden kann“, schimpft Sánchez. „Aber man kann Wasser nicht einfach merkantilisieren!“ Genau das passiert in der Region um Toledo. Das Wasser des Tajo gehört nicht den Menschen in Talavera, Toledo oder Mantiel. Es gehört den Bauern in Murcia, hunderte Kilometer entfernt. Für Sánchez’ Stadt bleibt nur eine im Sommer stinkende Pfütze mit unzähligen Moskitos.

Spanien ist ein gutes Beispiel für die vielschichtigen Konflikte, die um die Ressource Wasser geführt werden. Die Iberer sind mit der Wasserproblematik nicht allein. Seit vielen Jahren gibt es das Bestreben, den Zugang zu Wasser über die Vereinten Nationen weltweit als Menschenrecht anzuerkennen. Gemäß Artikel 11 des UN-Sozialpakts hat jeder Mensch ein Recht auf einen angemessenen Lebensstandard. Doch ein Recht auf Leben sei ohne Wasser nicht durchsetzbar, so die Befürworter. Zwar beschloss die Vollversammlung im Jahr 2010, das Menschenrecht auf Wasser anzuerkennen, doch an der Umsetzung hapert es. In einer Marktwirtschaft liegt es nahe, dass ein knappes Gut wie Wasser demjenigen zur Verfügung steht, der am meisten dafür bezahlen kann – oder dem, der am meisten zur Wirtschaft eines Landes beiträgt, wie etwa die israelischen Siedler und die Bauern an der spanischen Mittelmeerküste. Und nicht demjenigen, der es am meisten braucht.

In Spanien hat sich längst auch die Europäische Union eingeschaltet. Das Missmanagement der Spanier bereitet dem Europaparlament Sorgen. Rosa Prieto von der Initiative zum Schutz des Tajo war 2016 persönlich mit einem Hilferuf nach Brüssel gereist. Schließlich bestätigte das EU-Parlament, dass der Tajo zu wenig Wasser führe, und verlangte von Spanien, einen neuen Wasserplan zu erarbeiten: Die Zahlen, auf denen die Verteilung des Wassers beruht, sind falsch. Das leugnet in Spanien kaum mehr jemand. Als der Wasserplan beschlossen wurde, waren die Jahre regenreich. Die Stauseen und Flüsse führten überdurchschnittlich viel Wasser. Eine jahrelange Dürre wie zuletzt war damals nicht absehbar. Bislang wurden die Transfer-Verträge nicht überarbeitet.

Eine Delegation von Europaabgeordneten reiste schließlich nach Toledo und Talavera de la Reina am Tajo, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. „Die waren geschockt“, erzählt Rosa Prieto und deutet auf die Schilflandschaft hinter sich. „Einer von ihnen meinte: Wahnsinn, in Talavera sind die Menschen wie Jesus. Sie können über das Wasser laufen.“ Prieto lacht, aber es klingt gezwungen.

Zuerst erschienen ist dieser Artikel am 6. Mai in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Online auf FAZ.NET.

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