Fliegen ohne schlechtes Gewissen? – Ein Kommentar

Mal eben für ein Wochenende zum Shoppen nach Mailand? Für ein Geschäftsessen mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Berlin? Kein Problem! Früher war Fliegen Luxus. Heute fliegt die ganze Welt. Den Urlaub auf den sonnigen Mittelmeerinseln oder an der Côte d’Azur kann sich inzwischen fast jeder leisten. Trotz steigender Kerosinpreise wird das Fliegen immer billiger.
Eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt fand kürzlich heraus, dass trotz der Air-Berlin-Pleite auch aus Deutschland immer mehr Billigflüge zu beliebten Urlaubszielen angeboten werden. Ryanair, Easyjet oder Wizzair, um nur einige Beispiele zu nennen: der Preiskampf kennt nach unten kaum noch Grenzen. Ein Flugticket nach Palma de Mallorca kostet nicht selten weniger als eine Schachtel Zigaretten.
Kein Wunder, dass die europäischen Flughäfen Jahr für Jahr Passagierrekorde vermelden. Das Statistische Bundesamt zählte im vergangenen Jahr 80,5 Millionen Fluggäste, die von den deutschen Hauptverkehrsflughäfen aufbrachen. Fast jeder Deutsche also steigt ins Flugzeug.
Wie passt das mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen? Die Grünen erfreuen sich einer immer höheren Wählerzustimmung. Woche für Woche schwänzen Zehntausende Schüler die Schule, um auf den Straßen für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Auf den Tisch kommen nur noch Fleisch von glücklichen Kühen und Eier von frei flatternden Hühnern. Öko ist in.
Zumindest solange es nicht um die Urlaubsplanung geht. Dann rückt der Umweltschutz plötzlich in den Hintergrund. Wichtiger ist dann die Auswahl des Reiseortes; Fernreisen und Pauschalreisen werden immer beliebter. Die Dauer der Reise spielt eine wichtige Rolle – warum einen Tag im Auto verbringen, wenn man dieselbe Strecke in zwei Stunden mit dem Flugzeug schafft? Natürlich muss es auch komfortabel sein. Eine Autoreise ist zahlreichen unwägbaren Risiken ausgesetzt: Baustellen, Unfälle, Stau. Bei aller beklagenswerten Überfüllung im Luftraum, im Stau steht man dort nie. Nicht zuletzt ist der Preis entscheidend: Ein Flug ist in vielen Fällen deutlich günstiger als ein Bahnticket. Und für den Preis einer Schachtel Zigaretten kommt man auch mit Auto von Frankfurt nicht nach Marseille, sondern höchstens bis Speyer.
Der Vorwurf an Ryanair & Co. ist schnell gemacht: Mit ihrem Preiskampf ruinieren sie nicht nur den Wettbewerb, sondern auch die Umwelt. Böse Fluglinien, lässt sich da schnell schimpfen. Aber halt: Niemand wird gezwungen, in einen Billigflieger zu steigen. Selbst wenn man nicht im Bayerischen Wald Urlaub machen will, gibt es Möglichkeiten, das Ökogewissen zu beruhigen und den Sommer trotzdem zwei Wochen lang an der Playa de Palma zu genießen.
Das Zauberwort heißt Emissionszertifikate. Zugegeben, ein technischer Begriff. Das Prinzip dahinter ist aber simpel: Unternehmen können für jede Tonne Kohlenstoffdioxid, die sie in die Atmosphäre pusten, ein Zertifikat kaufen. Mit dem Geld werden Regenwälder aufgeforstet, an umweltfreundlichen Technologien geforscht und Naturschutzverbände unterstützt. Beim Kauf sollte man auf das Siegel „The Gold Standard“, den höchsten Qualitätsstandard bei Kompensationsprojekten, achten.
Ähnlich dem Ablasshandel in der mittelalterlichen Kirche können sich Vielflieger so ein reines Gewissen kaufen. Das mag mancher für ein Feigenblatt halten, weiß man doch nie, was wirklich mit dem Geld geschieht. Doch neben dem guten Gewissen hat der Kauf eines CO2-Zertifikates noch einen weiteren Vorteil: Je weniger Zertifikate auf dem Markt sind, desto höher ihr Preis, und desto teurer wird es für die großen Unternehmen, ihren Klimaschaden zu bezahlen.
Und nach dem Urlaub kann man dann, braun gebrannt von der Mittelmeersonne, trotzdem wieder guten Gewissens freitags für das Klima demonstrieren gehen und die Kollegen für ihre Vielfliegerei kritisieren.
Zuerst erschienen ist dieser Artikel am 26. Mai 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Online auf FAZ.NET.
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